29. Juli 2016 romanstork

Von Jungfeld – haut dich aus den Socken

Anzug, Krawatte, schwarze Socken, schwarze Schuhe – fast schon eine Stil-Verweigerung im Zeitalter der Individualisierung. Möchte Mann aus dieser Uniformität ausbrechen, hilft nur noch „von Jungfeld“: Das erfolgreiche Mannheimer Mode-Label verkauft knallbunte Herrensocken aus nachhaltiger Produktion in Deutschland.
Die Gründer Maria Pentschev und Lucas Pulkert – eben noch Studenten an der Musikhochschule und Universität Mannheim – lösen heute mit ihrem Start-Up den vermeintlichen Widerspruch von Nachhaltigkeit und jugendlicher Coolness auf. Wie sie das geschafft haben, welche Rolle Joko Winterscheidt dabei spielt und wieso ihnen das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist? Lest selbst!

 

Daniel: Gibt es bestimmte Eigenschaften, die man als Gründer braucht? Oder muss man zum Gründer ganz einfach geboren sein?

von_Jungfeld1Lucas: Zu aller erst muss man einfach Bock auf’s Gründen haben. Wer das hat, der wählt sich meistens auch die passenden Studiengänge oder besucht Workshops, die sich mit dem Thema Gründung befassen. Zu den wichtigen Eigenschaften gehört auf jeden Fall Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit. Man muss seine Arbeit zu Ende bringen. Wenn man z.B. eine Präsentation für Investoren vorbereiten soll, dann muss diese auch pünktlich fertig sein. Eine Portion Glück gehört aber sicherlich auch dazu!

Daniel: Wie genau kam es dann zur Gründung von von Jungfeld?

Lucas: Maria und ich hatten am Anfang ziemlich viele verschiedene Start-Up-Ideen, mit denen wir einen Business Angels Kongress besucht haben. Die Investoren dort haben gesagt: „Hey, ihr habt das echt gut gemacht, wir denken ihr seid ein cooles Team, aber eure Idee geht gar nicht.“ Als letzte Rettung haben wir dann noch die Socken-Idee aus der Schublade geholt und die ist es letztendlich dann geworden.

Wir achten immer darauf, was wir selber cool finden. Authentizität ist uns wichtig […]

Maria: Ich denke unsere Geschichte zeigt, dass es nicht nur auf eine gute Idee ankommt, sondern um den Willen etwas zu gründen. Wie Lucas schon gesagt hat: Unser Favorit war damals eigentlich eine ganz andere Idee, in die wir auch sehr viel Zeit investiert haben. Heute verkaufen wir bunte Socken – Durchhaltevermögen zählt also auf jeden Fall auch zu einer Eigenschaft, die man als Gründer mitbringen sollte.

Max: Warum habt ihr euch denn gerade für Socken entschieden?

Lucas: Es gab ja schon einige „Ökolabels“ oder erfolgreiche Sockenlabels. Uns hat das aber nicht so sehr angesprochen. Wir waren der Meinung, dass noch keine Marke auf dem Markt war, die die drei Komponenten Stil, Qualität und Nachhaltigkeit vereint. Daher wollten wir über diese Nische in einen neuen Markt kommen.

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Daniel: Bei all euren Marketingaktivitäten steht die Authentizität im Vordergrund. Was ist die Message dahinter?

Maria: Wir achten immer darauf, was wir selber cool finden. Authentizität ist uns wichtig, weshalb wir gerade bei Shootings von Beginn an und bis heute noch unsere Freunde und Bekannten ablichten.

Lucas: Mittlerweile haben wir fast schon unseren gesamten Freundeskreis fotografiert. Trotzdem greifen wir noch immer nicht auf Vollmodels zurück, da wir Charaktere zeigen wollen.

Daniel: Was waren die größten Herausforderungen in der Anfangsphase? Ich kann mir vorstellen, dass es gerade in der Textilindustrie sehr schwierig ist, als Neuling alle Prozesse sofort zu verstehen…

Maria: Die erste große Herausforderung war es, genügend Kapazitäten für die Produktion in Deutschland zu finden, denn in Deutschland gibt es für unser Produkt relativ wenige Fabriken.

Lucas: Ein sehr wichtiges Thema war für uns auch immer das Wachstum des Unternehmens. Du bist relativ klein und etablierst bestimmte Prozesse, die aber nicht sinnvoll sind, wenn du größer wirst. Gleichzeitig hat man aber auch immer sehr viel Tagesgeschäft und kann sich nicht immer darum kümmern, Prozesse der Größe anzupassen.
Es ist richtig, dass die Textilindustrie eher ein geschlossenes System mit etablierten Strukturen ist, die wir am Anfang nicht kannten. Aber es war vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass wir da als „Noobs“ hereingekommen und an einigen Stellen unseren eigenen Weg gegangen sind.

Verliebt euch nicht in eure Idee – unserer Erfahrung nach ist das Team wichtiger als die Idee.

Max: Was könnt ihr denjenigen mit auf den Weg geben, die später vielleicht selbst einmal ihr eigenes Start-Up gründen möchten?

Maria: Verliebt euch nicht in eure Idee – unserer Erfahrung nach ist das Team wichtiger als die Idee.

Lucas: Klar, aber die Idee sollte trotzdem auch ganz gut sein. Ihr müsst für die Idee brennen! Und redet mit vielen Menschen über eure Idee, alles andere wäre ein großer Fehler. Das Feedback bringt euch weiter und niemand wird eure Idee klauen.

Max: Ihr verkauft bunte Socken für knapp 10 Euro pro Paar. Welche Zielgruppe möchtet ihr damit ansprechen?

Lucas: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass unsere Zielgruppe breit ist. Vom Sneaker-Store, über den Maßschneider bis zum Top-Kaufhaus sind wir überall vertreten und das ist unserer Marketingstrategie geschuldet: Wir legen Wert auf Nachhaltigkeit, Qualität und Stil. Unsere Socken sind natürlich nicht billig und der typische 16-Jährige wird sein Geld für andere Dinge ausgeben. Aber vielleicht bekommt er sie geschenkt oder er klaut sich die Socken vom Kleidungsständer seines Vaters – solche Geschichten bekommen wir von unseren Kunden zu hören. Daher haben wir auch eine Vater-Sohn-Box im Sortiment, weil wir die Idee cool finden, dass der 16-Jährige sich mit seinem 60-jährigen Vater identifizieren kann und beide dieselben Socken tragen.

 

Über Maria:

Maria Pentschev (29) ist in Österreich geboren und aufgewachsen. Ihre Heimat verlässt sie, um an der Mannheimer Popakademie Musik (Singer Songwriter) zu studieren. Nach dem Bachelor arbeitet Maria zwei Jahre lang als freie Musikerin, organisiert nebenbei Live Musik Events u.a. im Mannheimer Jungbusch und entdeckt ihre Freude daran, etwas Eigenes zu schaffen. Aus diesem Grund kehrt sie anschließend wieder an die Popakademie zurück, beginnt den neuen Studiengang „Musik und Kreativwirtschaft“ und beschäftigt sich auf diesem Weg zum ersten Mal näher mit dem Thema Existenzgründung.

 

Max: Medienstar Joko Winterscheidt ist einer eurer Investoren und er wirbt in den Medien auch mit seinem Gesicht für von Jungfeld. Wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen und wieso passt er zu eurem Label?

Lucas: Weil er ein cooler Dude ist! (lacht) Nein, das Coole ist, dass er uns schon getragen hat, bevor wir ihn angesprochen haben. Wir haben tatsächlich eine große Dunkelziffer: Viele Prominente tragen unsere Socken.
Damals haben wir Circus Halligalli gesehen und Joko hatte dabei Socken an, die unseren sehr ähnlich waren. Dann haben wir ihn daraufhin ganz doof wegen einer möglichen Zusammenarbeit angeschrieben. Er hat kurz geantwortet „grundsätzlich cool, kommt mal nach Berlin“, dann haben wir uns dort getroffen, ein bisschen ’was getrunken und uns ausgetauscht. Ihm ist als Investor wichtig, dass er sich mit der Idee identifizieren kann und die Leute dahinter gut findet. Das hat bei uns gepasst und so ist er bei uns eingestiegen.

Maria: Er ist eine Stilikone, und damit jemand, der genau unsere Zielgruppe repräsentiert. Abseits von dem, wie man Joko in der Öffentlichkeit mit den Socken sieht, unterstützt er uns aber auch fachlich in vielen Bereichen.

Lucas: Er ist super medienkompetent. Wie alle unsere Investoren hat auch er spezifische Skills in einem Bereich, die er bei uns einbringen kann. Joko ist einfach ein „Medien-Tier“ mit unglaublicher Kompetenz was Content Generierung und Ausspielung angeht. Und natürlich hat er sein Gesicht, das viele kennen und damit gibt er uns einen Push bei jüngeren Zielgruppen.

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Max: Gab es in der Gründungsphase auch manchmal Punkte, an denen ihr alles in Frage gestellt habt und mit dem Gedanken gespielt habt, die Gründung zu verwerfen?

Lucas: Es gibt natürlich immer Zweifel, deswegen war es für uns sehr wichtig, dass wir zu zweit gründen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen einer gerade genug von allem hat, weil die Probleme im ersten Moment unüberwindbar scheinen. In diesen Momenten ist es super, jemanden auf der anderen Seite zu haben, der sagt „Hey komm, nimm dir ein paar Tage frei, chill dich mal aus“, und der in der Zeit dann die Stellung hält. Ich glaube es wäre sehr hart, alleine die Verantwortung zu tragen, gerade auch im Hinblick auf die schwierigen und ungewohnten Entscheidungen, die wir fällen mussten.

Max: Ihr setzt auf Nachhaltigkeit, Qualität und Stil. Beim Marketing von nachhaltigen Produkten kommt der berüchtigte Zeigefinger jedoch nicht immer gut an. Wie löst ihr das?

Lucas: Es war uns von vorne herein wichtig, dass wir nachts gut schlafen können. Deshalb produzieren wir nur in Deutschland, da wir hier die Produktionsstandorte besuchen und kontrollieren können.
Wir wollen unser Produkt jedoch nicht nur durch Nachhaltigkeit legitimieren. Nachhaltig zu produzieren muss eine Selbstverständlichkeit der Unternehmen sein und nicht die Pflicht der Kunden. Der Kunde muss kein hässliches T-Shirt kaufen, weil „nachhaltig“ draufsteht.

Über Lucas:

Lucas Pulkert (25) stammt ursprünglich aus Nürnberg. Für seinen Bachelor Kultur und Wirtschaft mit Beifach Geschichte an der Universität Mannheim zieht es ihn in die Quadratestadt. Von seinem Studium noch nicht zu 100 Prozent ausgelastet, absolviert Lucas ein Praktikum als Journalist, organisiert zunächst gemeinsam mit Maria Musik-Events im Mannheimer Szeneviertel Jungbusch und gründet 2013 mit ihr die stilfaser GmbH mit der Marke „von Jungfeld“.

 

Daniel: Die Textilindustrie gilt ja als sehr heikel, was das Thema CSR und Nachhaltigkeit angeht. Und ihr habt bereits angesprochen, dass im Bereich der nachhaltigen Produktion heute noch immer Kapazitätsgrenzen gibt. In welchen Bereichen eures Geschäftsmodells achtet ihr dennoch darauf, der Verantwortung des Unternehmens gerecht zu werden?

Lucas: Sehr wichtig dabei ist, dass wir in Deutschland bzw. in der unmittelbaren Nähe produzieren. Damit sichern wir aus arbeitsschutzrechtlichen Gesichtspunkten einen der höchsten Standards weltweit – jeder der dort arbeitet, arbeitet unter guten Umständen. Und die Transportwege sind kurz. Wir müssen nicht riesige Schiffe beladen, auf denen die Baumwolle dann noch mit Pestiziden besprüht wird, damit sie während der Überfahrt nicht schimmeln.

Maria: Ja tatsächlich ist die Rohstoffgewinnung der einzige Punkt, bei dem wir heute ganz einfach noch nicht komplett nachhaltig sein können. Der größte Teil der Produktion findet aber in Deutschland statt. In unserem Sortiment haben wir heute schon zwei Kollektionen, die aus Bio-Baumwolle hergestellt sind und an den restlichen arbeiten wir.

Nachhaltig zu produzieren muss eine Selbstverständlichkeit der Unternehmen sein und nicht die Pflicht der Kunden.

Daniel: Durch die größtenteils in Deutschland angesiedelte Produktion spart ihr euch Transportkosten, seid schnell vor Ort und habt einen engeren Kontakt zu Geschäftspartnern. Wirkt sich das vorteilhaft auf den endgültigen Preis der Produkte aus und könnt ihr somit der in den Köpfen der Kunden verankerten Vorstellung entgegenwirken, dass nachhaltige Produkte auch immer gleich teuer sein müssen?

Maria: Das ist in der Praxis nicht so einfach. Die einzige Möglichkeit, unsere Preise an weniger nachhaltige Wettbewerbsprodukte anzugleichen, ist der Verzicht auf einen Teil der Marge. Allerdings müssen wir natürlich auch wirtschaftlich agieren, weil das Unternehmen ansonsten langfristig nicht im Markt überleben würde – dann würde auch der soziale Gedanke und die Wirkung, die wir heute schon erzielen, untergehen. Wir sehen: Nachhaltigkeit ist keine Entscheidung über 0 oder 1, sondern vielmehr ein kontinuierlicher Prozess. Wenn wir weiter wachsen, können wird Skaleneffekte nutzen und dementsprechend günstiger einkaufen. Dieser Vorteil wir dann sowohl der Nachhaltigkeit unserer Produkte als auch unseren Kunden zu Gute kommen.

Lucas:von_Jungfeld3 Natürlich ist die Produktion in Deutschland teurer, als die Produktion in China oder Indien. Aber es hat auch Vorteile: Wir sind flexibler, denn wir können spontan neue Kollektionen einbringen und kurzfristig auf mögliche Fehlfunktionen in den Socken reagieren.

 

Daniel: Seht ihr denn die nachhaltige Mode in Zukunft nach wie vor als einen Nischenmarkt oder hat sie die Chance, durch die Beseitigung der heute noch existierenden Hindernisse, sich weiter zu verbreiten?

Lucas: Das wäre natürlich wünschenswert – allerdings wird es immer preisorientierte Unternehmen geben und es wird immer Leute geben, die nur auf den billigsten Preis schauen. Trotzdem haben sich ja schon viele Menschen der aktuellen nachhaltigen Bewegung angeschlossen. Es sind nicht die Unternehmen als solche, die die Zukunft gestalten, sondern die Menschen in den Unternehmen. Wir freuen uns, wenn wir mit unserem Label zeigen können, dass verantwortungsvolles Unternehmertum auch funktionieren kann.

 

Maria, Lucas, vielen Dank für das Gespräch!

 

Liebe Leser, hat euch das Interview gefallen? Was denkt ihr über die stylischen von Jungfeld-Socken? Wie kommen sie in eurem Bekannten- und Freundeskreis an? Schreibt es uns doch einfach in die Kommentare!

© Die Fotos wurden uns freundlicherweise von der stilfaser GmbH zur Verfügung gestellt.

 


Über die Autoren:

daniel_wallinger_rundDaniel Wallinger
Co-Founder, former Head of CSR/SE
Daniel ist Co-Founder, war im vergangenen Jahr Vorstand für Social Entrepreneurship und initiierte den Blog sowie Newsletter der Initiative. Er studiert BWL im fünften Semester und arbeitet gerade im Business Development eines Berliner Startups, das Geflüchtete dabei unterstützt, hier in Deutschland ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

 

Max_N._rundMax Nestele
Public Relations
Max studiert im 3. Semester BWL und ist Mitglied im Online Content Team. Neben dem Studium ist er als unschlagbarer FIFA Vollstrecker tätig. Falls dann noch Zeit bleibt, widmet er sich seinen Leidenschaften Nachhaltigkeit und „Dance-Electro“

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